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Kambanellis „Mauthausen“-Buch auf Deutsch

„Mauthausen“, eines der bekanntesten Werke des griechischen Theater- und Filmautors Iakovos Kambanellis gibt es jetzt auch auf Deutsch. Der Wiener Verlag Ephelant gab das Buch unter dem Titel „ Die Freiheit kam im Mai“ heraus. Mikis Theodorakis vertonte seine Gedichte „Mauthausen Cantata“ und machte sie weltweit bekannt.

Kambanellis, Iavokos, „Die Freiheit kam im Mai“

Iakovos Kambanellis (geb. 1922 - gest. am 29.3.2011 im Alter von 89 Jahren) zählte zu den bekanntesten Bühnen- und Filmautoren Griechenlands. Seine Popularität gründete sich ebenso auf die oft gespielten und gesungenen Vertonungen seiner Gedichte, besonders auf die weltweit bekannte „Mauthausen Cantata“, die von Mikis Theodorakis vertont wurde. 

Kambanellis war Häftling im Konzentrationslager Mauthausen. Er schildert die Zeit der Gefangenschaft, den Tag der Befreiung, den 5. Mai 1945, das Leben im Lager in den folgenden Monaten und die Kontakte mit der Bevölkerung in den nahen Dörfern und Bauernhöfen, das Leben des Aufbruchs in die Freiheit, die ersten Schritte in eine neue Epoche.

Mikis Theodorakis sagt zu dieser ersten Übersetzung des Werkes ins Deutsche, das in Griechenland mehr als 30 Mal aufgelegt wurde: „Der Dichter beweist in seinem Buch, dass er stärker als seine Kerkermeister ist, weil er uns überzeugend zeigt, dass sich sogar in der Hölle die Liebe letztendlich als das Stärkere erweist.“

Das Buch ist erstmals aus dem Griechischen ins Deutsche von Elena Strubakis (Wien)übersetzt worden und erscheint in zwei Ausgaben: Einer Ausgabe ist die CD „The Mauthausen Cantata“ von Mikis Theodorakis beigelegt.
Ephelant Verlag Wien (2010), 329 S.
ISBN: 978-3-900766-17-7 bzw. ISBN: 978-3-900766-18-4


Iakovos Kambanellis über das Buch und die Mauthausen Gedichte

Ich werde immer wieder überrascht von Dingen, die "nachher" geschehen.

1965: Die Mauthausen Chronik wird für ihre Veröffentlichung bei Themelio-Verlag  vorbereitet. Der Verleger Mimis Despotides, hatte eine Idee, mit der sowohl  Mikis Theodorakis als auch ich selbst sofort einverstanden waren: eine Reihe von Liedern zu schreiben, die aufgenommen werden sollten, so daß die Schallplatte zur gleichen Zeit wie meinem Buch erscheinen würde. Und genau so war es dann. Im Dezember jenes Jahres machte ich eine Lesung mit Auszügen aus der “Chronik”. Anschließend wurden die Lieder erstmals aufgeführt. Ein unvergeßlicher Abend - nicht nur für mich, sondern auch für Theodorakis und Farantouri.

1980: Ich beschließe, ein erstes Mal nach Mauthausen zurückzukehren. Es ist Mai, und die ehemaligen Häftlinge des Konzentrationslagers, Frauen und Männer aus ganz Europa, wollen sich dort wiedersehen. Wir treffen uns genau 35 Jahre nach unserer Befreiung. Am 5. Mai versammeln wir uns im Dorf Mauthausen, um gemeinsam zum Lager zu gehen. Wir, die 30.000 Überlebenden, schweigen, während wir zum KZ hinaufsteigen, und unser Schweigen ist Ausdruck unserer Erinnerung, unserer Liebe und unseres Respektes für die 240.000, die dort zu ihrem Golgatha hinaufgeschritten waren. Als wir uns dem Lager nähern, höre ich aus seinem Inneren, vom Appellplatz her, eine Musik tönen: Sie wird durch die Morgenluft den ganzen Weg hinauf zu den neubewaldeten Hügeln getragen. Sie scheint mir irgendwie vertraut, so als ob ich sie schon früher irgendwo einmal gehört habe. Ich irre mich nicht. Als wir näher kommen, wird mit bewußt, daß ich die Stimme von Maria Farantouri höre, die singt: “Ihr Mädchen aus Auschwitz, ihr Mädchen aus Mauthausen, habt ihr meine Liebste nicht gesehen?” Später gehe ich ins Sekretariat, ohne mich zu erkennen zu geben, und frage, welches der Gesang gewesen ist, den wir am Morgen gehört hatten. Man sagt mir, daß das seit Jahren schon das musikalische Leitmotiv des Lagers ist.

 Ich weiß, wieviel Mühe sich Theodorakis gegeben hat, um den Mauthausen-Zyklus musikalisch umzusetzen und in Konzerten vorzustellen. Diese Lieder waren inzwischen in vielen Ländern bekannt geworden. Dennoch, meine “Begegnung” mit diesem Lied, an gerade diesem Ort, zu diesem Zeitpunkt, nun ...

Seitdem träumte ich von einem Konzert im Lager Mauthausen. Dieser Traum wurde zweimal Wirklichkeit - einmal 1988 und einmal 1995. Es kamen Menschen von überall her: Zehntausende, Pilger, Pazifisten, wunderbare Menschen ...
Zurück ins Jahr 1965! Wie wunderbar und kreativ ahnungslos wir doch waren.

© Iakovos Kambanellis - Deutsche Übersetzung Guy Wagner - Durchsicht: Asteris Kutulas 


Mikis Theodorakis  zur Entstehung der "Mauthausen-Cantata"

Ein guter Freund von mir, der Dichter Iakovos Kambanellis, war während des Zweiten Weltkriegs Gefangener in Mauthausen. Er schrieb Anfang der sechziger Jahre seine diesbezüglichen Erinnerungen unter dem Titel “Mauthausen”. 1965 verfasste er zu diesem Thema auch vier Gedichte, die er mir gab, damit ich sie vertone. Ich habe das sehr gern gemacht, weil mir erstens die Poesie in diesen Texten gefallen hat und weil ich zweitens während der Besatzungszeit selbst in italienischen und deutschen Gefängnissen eingesperrt war; vor allem aber, weil ich sah, dass wir die Möglichkeit haben würden, mit Hilfe dieser Kompositionen den Jugendlichen die Geschichte in Erinnerung zu rufen, jene Geschichte, die niemals vergessen werden darf. Die Mauthausen-Lieder richten sich natürlich in erster Linie an all jene, die unter Faschismus gelitten und gegen ihn gekämpft haben. Wir alle müssen uns aber immer wieder die Verbrechen der Nazis vor Augen halten, weil dies das einzige Mittel dagegen ist, dass sich solche Dinge wiederholen könnten. Wir sehen täglich, dass der faschistische Geist noch längst nicht erloschen ist. Er zeigt oft nicht sein wahres Gesicht, aber faschistische Kulturen und Mentalitäten gibt es überall auf der Welt. Für uns, die diese Schreckenszeit durchleben mussten, ist es die wichtigste Aufgabe, unsere Kinder vor dieser Gefahr zu schützen.

© Mikis Theodorakis


 Rainer Mayerhofer schreibt am 21.5.2010 in der Wiener Zeitung

 Die Erinnerungen des Schöpfers der Mauthausen-Kantate, Iakovos Kambanellis.

"Wenn mich eine Hand hier plötzlich ergriffe und auf einer Straße in Barcelona, New York oder Stockholm ausließe und ich über Mauthausen zu sprechen begänne, weißt du, was dann passieren würde? Sie würden mich für einen Irren halten, sie würden mich einsperren! (.. .) Hier drinnen brauchst du eine Kruste aus Verrücktheit ums Hirn, damit du überlebst."

Iakovos Kambanellis, der vom Sommer 1943 bis zur Befreiung am 5. Mai 1945 Gefangener im NS-Konzentrationslager Mauthausen war, schildert in seinen Erinnerungen den Rat, den ihm ein Mitgefangener zu Beginn seines Aufenthalts in der Hölle gab.

Deutsche Übersetzung

1963 hat er in seiner griechischen Heimat seine Erinnerungen erstmals veröffentlicht, noch bevor seine Gedichte von Mikis Theodorakis als "Mauthausen-Kantate" vertont wurden. Jetzt liegt erstmals eine deutsche Übersetzung vor.

Kambanellis, der nach der Befreiung Griechenlands Vertreter im internationalen Lagerkomitee war, beginnt sein Buch mit den Tagen unmittelbar vor dem Kriegsende, als sich die ersten SS-Bewacher absetzten, andere sich plötzlich "menschlich" zeigten und Essen aus der Offiziersküche brachten und wieder andere bis zum Schluss Terror ausübten.

Langsam begann nach der Befreiung die Rückkehr ins Leben, immer wieder eingeholt von den schrecklichen Erinnerungen an die vergangenen Monate und Jahre. Und auch die Gegenwart bietet nicht nur Erfreuliches. Die Einheimischen außerhalb des Lagers, die noch einige Monate zuvor eine wilde Hetzjagd auf geflohene russische Gefangene veranstaltet hatten, reagieren auf die befreiten Gefangenen mit Abwehr.

In dieser Atmosphäre lernt Iakovos Kambanellis Iannina kennen, eine 19-jährige Litauerin, die ebenfalls in Mauthausen interniert war. Gemeinsam machen sie die ersten Schritte in der Freiheit, bis ein Italiener auftaucht, den das Mädchen geheiratet hatte, um aus dem Zwangsarbeiterlager zu entkommen. Iannina flieht vor Franco, ihrem unbequemen Ehemann, und lässt sich gemeinsam mit Iakovos sogar im Gefängnis einsperren, wo die früheren Peiniger von der SS auf ihre Verfahren warten.

Kambanellis schildert diese irrealen Szenen ebenso brillant wie seinen Abschied aus Mauthausen, als er gemeinsam mit den jüdisch-griechischen Überlebenden aus dem Lager "entführt" wurde, um in mehreren Transportern illegal über die Grenze am Brenner nach Italien gebracht zu werden. Unter Planen versteckt, werden die Mauthausen-Überlebenden in italienische Hafenstädte gebracht, die Fracht wird als Erdäpfel deklariert. Und das mit Iannina in Piacenza vereinbarte Wiedersehen verläuft anders als geplant.

Iakovos Kambanellis:
Die Freiheit kam im Mai. Ephelant Verlag,329 Seiten, 22 Euro, mit CD 34.
© Wiener Zeitung, Wien


Die von Mikis Theodorakis vertonten Mauthausen-Gedichte von Iakovos Kambanellis


 
Das Hohelied (Asma ton Asmaton) 
 
Wie schön doch meine Liebste ist
In ihrem Alltagskleid,
Mit einem Kamm im Haar.
Es wußte keiner, daß sie so schön ist.

Ihr Mädchen aus Auschwitz,
Ihr Mädchen aus Dachau,
Habt ihr meine Liebste nicht gesehn?

Wir sahen sie auf einer langen Reise,
Sie trug ihr Kleid nicht mehr,
Auch keinen Kamm im Haar.

Wie schön doch meine Liebste ist,
Umhegt von der Mutter
Und auch vom Bruder beschützt.
Es wußte keiner, daß sie so schön ist.

Mädchen aus Mauthausen,
Mädchen aus Bergen-Belsen,
Habt ihr meine Liebste nicht gesehn?

Auf einem zugigen Platz sahn wir sie,
Mit einer Nummer auf dem nackten Arm,
Mit einem gelben Stern auf ihrer Brust.

2. Andonis (O Andonis) 

Dort auf der breiten Treppe,
Auf der Treppe der Tränen,
Im tiefen “Wiener Graben”,
Im Steinbruch der Klagen.

Dort laufen Juden und Partisanen,
Stürzen Juden und Partisanen,
Schleppen Steine auf dem Rücken,
Steine, Kreuz des Todes.

Dort hört Andonis die Stimme,
Hört die Stimme sagen:
Kamerad, o Kamerad,
Hilf mir die Treppe hinauf!

Doch dort auf der breiten Treppe
Und auf der Tränen Treppe
Ist solche Hilfe Schande,
Ist solch ein Mitleid Fluch.

Der Jude stürzt auf der Treppe,
Die Treppe färbt sich rot.
Und du, mein Junge, komm mal her,
Schlepp jetzt einen doppelt so großen Stein.

Ich nehm einen zweimal, dreimal so großen.
Ich heiße Andonis,
Und bist du ein Mann, komm her,
Auf den marmornen Druschplatz.

3. Der Flüchtling (O Drapetis)

Janos Beer aus dem Norden
Erträgt nicht länger den Stacheldraht.
Er faßt sich ein Herz, ihm wachsen Flügel,
Er rennt durch die Dörfer im Tal.

Frau, gib mir Brot
Und andere Kleidung.
Ich hab einen weiten Weg vor mir,
Über Seen muß ich fliegen.

Wo er geht und steht
Regieren Furcht und Schrecken
Und jene Stimme, grausame Stimme:
Haltet euch von dem Flüchtling fern!

Ich bin kein Mörder, ihr Christen,
Kein Ungeheuer, das euch frißt.
Ich floh aus der Gefangenschaft
Und will nach Hause gehn.

Ach, welch tödliche Ödnis
Im Land von Bertolt Brecht.
Sie übergeben Janos der SS,
Zur Hinrichtung bringen sie ihn.

4. Wenn der Krieg zu Ende geht  (Otan teliossi o Polemos) 
 
Mädchen mit angsterfüllten Blicken,
Mädchen mit eiskalten Händen,
Wenn der Krieg zu Ende geht, vergiß mich nicht.

Freude der Welt, komm ans Tor!
Umarmen wir uns auf der Straße!
Tauschen wir Küsse auf dem Platz!

Wir wollen einander lieben im Steinbruch,
In den Gaskammern,
Auf den Wachtürmen und auf der Treppe.

Uns lieben am hellichten Mittag,
An allen Orten des Todes,
Bis sein Schatten entweicht.

 © Iakovos Kambanellis - Übertragen von © Ina und Asteris Kutulas