Kulturland Griechenland
Kunst und Kultur |
Kunst und Kultur
Die geographische Lage Griechenlands machte es zur Schnittstelle zahlreicher mediterraner Kulturen, die ihre jeweiligen kulturellen Eigenheiten und Ausprägungen in den griechischen Regionen hinterließen und entscheidend bei der Entstehung der griechischen kulturellen Identität mitwirkten. Die Einflüsse anderer Zivilisationen aus dem Orient, dem Okzident sowie dem Norden und Süden fanden ihren Eingang in das griechische Denken und Leben, wurden an die vorherrschenden Gegebenheiten angepasst und dementsprechend modifiziert. Neben dem weltberühmten antiken griechischen Erbe hat die moderne griechische Kultur ihre eigenen Ausdrucksformen entwickelt und sich international etabliert.
Während seiner fast fünftausendjährigen Geschichte hat Griechenland sechs deutlich unterscheidbare Kulturepochen gekannt: die prähistorische (Kreta, Kykladen, Mykene), die archaische, die klassische, die hellenistische, die byzantinische und die heutige Kulturepoche. Die drei ersten reichen ins zweite und dritte vorchristliche Jahrtausend.
Die kykladische und archaische Kultur haben Kunstformen geschaffen (Skulptur und Malerei), die als Modelle für die Formen der modernen Kunst bezeichnet worden sind. Die klassische Epoche (Ende des 6. Jh. – 4.Jh v.Chr.) ist die Zeit der bedeutendsten Leistungen griechischen Geistes. Im Hellenismus (4. – 1. Jh. v.Chr.) gewann die griechische Sprache Weltbedeutung und das römische Reich erfuhr den Einfluss des griechischen Geistes. Später verbreitete sich das Christentum im Medium der griechischen Sprache. Die byzantinische Kultur prägte – nach dem Untergang Roms – ein ganzes Jahrtausend südosteuropäische Geschichte. In der Mitte des 17. Jahrhunderts beginnt dann in dem von den Türken besetzten Griechenland die neugriechische Volkskunst und Volkskultur.
Die Volkskunst
Die griechische Gegenwartskultur hat ihre Wurzeln in der Volkskunst. Diese Volkskunst hat sich in den verschiedensten Bereichen bekundet: in der Architektur ebenso wie in der Musik und in der Dichtung, in Holzschnitzereien, in Kupferarbeiten, Volkstrachten, Stickereien und vielen anderen mehr. In dieser volkstümlichen Tradition wurzelnd haben die griechischen Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts neue künstlerische Ausdrucksformen entwickelt, die sich in ihrem ästhetischen Niveau durchaus mit denen anderer europäischen Länder messen können.
Die Volkslieder sind ein Beispiel für die künstlerische Kreativität des griechischen Volkes. Sie erreichen in ihrer Ausdruckskraft oft den Rang hoher Dichtung; sie wurden anfangs nicht niedergeschrieben, sondern gesungen. Wort und Musik sind deshalb in ihnen oft zu einer vollkommenen Einheit verschmolzen. Zahlreiche solche Lieder wurden bis in unsere Zeit überliefert und zahlreiche von ihnen sind unter der Schirmherrschaft der Athener Akademie von Sängern und Musikern aufgenommen worden.
Ähnlich prägnant ist die griechische Volksarchitektur. Sie hat oft ästhetisch vollkommene und auch praktische Lösungen für die Probleme des Wohnbaus gefunden. Dieser ursprüngliche volkstümliche Charakter wurde in vielen Ortschaften erhalten. Die Dorfarchitektur der ägäischen Inseln, die Dörfer von Epirus sowie auf dem Pelion und in Westmakedonien sind hier besonders zu nennen. Die Dorfkirche „Paraportaria“ auf Mykonos wurde vom französischen Architekten Le Corbusier bewundert und als „ der zweite Parthenon“ bezeichnet.
Heute lassen sich zahlreiche griechische Architekten in ihren modernen Bauten von dieser volkstümlichen Bautradition inspirieren. Dimitris Pikionis ist ihr bedeutendster Vertreter, der für die moderne Gestaltung der Umgebung der Akropolis verantwortlich ist.
Ein anderes Beispiel griechischer Volkskunst ist die volkstümliche Malerei, die auf Hauswänden, Ladenschildern, auf Holz und Karton zu finden ist und in der Regel von einem anonymen Künstler stammt. Einer der wenigen, der sogar international bekannt wurde, ist Theofilos. (Sein voller Name lautet: Theofilos Chatzimichail). Der Louvre stellte seine Bilder aus. Heute befinden sich die meisten seiner Werke in Privatsammlungen in Athen, Volos und in Mytillene.
Eine besondere Bedeutung besaß seit jeher das Volkstheater. Seine Wurzeln reichen zurück ins Mittelalter.
Es blühte vor allem auf Kreta im 17. Jahrhundert. Von den kretischen Werken werden heute noch die „Erophili“ von Chortatzis und der „Erotokritos“ gespielt, sowie das „Opfer Abrahams“ von Vitzenzos Kornaros. Keines dieser Werke ist „primitiv“ in seinen Ausdruckmitteln; sie sind kunstvoll gebaut und in einer sehr differenzierten und reflektierten Sprache geschrieben. Der ihnen zugrunde liegende traditionelle Stoff wird dabei mit größtem Respekt behandelt.
Eine besondere Form des griechischen Volkstheaters sind die so genannten „Schattenspiele“, deren Hauptfigur eine in Griechenland äußerst populäre Gestalt ist: der Karagiosis. Er ist die Figur des Antihelden schlechthin. Seine wechselvollen Schicksale und sein lebenskluges Verhalten, sowie zahlreiche Scherze machen ihn zu einer unerschöpflichen Quelle der Heiterkeit für die Zuschauer.
Zu den Formen griechischer Volkskultur gehört auch das Fest. Das Leben griechischer Dörfer und Städte wird heute noch von einer Fülle von Festen durchzogen. Viele von ihnen reichen über die Zeit der Türkenherrschaft zurück bis in die byzantinische Epoche, oft sogar bis in die Antike. Die Feste werden vom Gesang und Tänzen begleitet und bilden einen bedeutenden Teil der griechischen kulturellen Tradition.
Angesichts der Vielfalt und Fülle heute noch lebendiger Volkskultur überrascht es nicht, dass die Wissenschaft der Volkskunde sich in den letzten Jahren in Griechenland besonders entwickelt hat, um durch die wissenschaftliche Erforschung aller Formen künstlerischer Tradition im griechischen Volk nachzugehen. Viele Griechen fühlen sich dieser Volkskultur ebenso innerlich verbunden, wie sie ihre antike Vergangenheit respektvoll bewundern.
Die Literatur
Während des Unabhängigkeitskrieges und nach der Befreiung des Landes war Dionyssios Solomos (1798 - 1857) der herausragende Name in der Literatur. Um ihn formierte sich eine Gruppe junger Dichter, Literaten und Musiker, die den Kern der späteren literarischen Entwicklung ausmachte. Solomos lebte und arbeitete auf der Insel Korfu, die von der türkischen Besatzung verschont blieb und Jahrhunderte lang unter dem Einfluss der italienischen Kunst stand. Erwähnenswert ist auch das schmale dichterische Werk von Andreas Kalvos (1792-1869), der sich an das antike Vorbild Pindars anlehnte und sein Werk in den Dienst der Befreiung Griechenlands stellte. Die Wahl der Stadt Athen als Hauptstadt des Landes (1833) hat die literarischen Kräfte von der Peripherie in dieses neue Zentrum angezogen. Die "Literarische Schule Athens" wurde eingerichtet, welche die späte Romantik vertrat und einen heftigen und andauernden Streit über die in der Literatur zu verwendende Sprache führte: Eine dem Altgriechischen nahe Sprache oder eine Sprache, die sich an der gesprochenen Sprache orientierte? Das sogenannte Sprachenproblem, das erst 150 Jahre später dank einer Regierungsentscheidung gelöst werden sollte, prägte die Entwicklung der modernen griechischen Literatur.
Kostis Palamas (1859 - 1943), ein sehr aktiver Dichter und Kritiker, war Gründer einer nationalen literarischen Bewegung, die sich von einem sterilen und komplizierten Romantizismus distanzierte und die Wiederbelebung der griechischen Literatur anstrebte. Er hinterließ beeindruckende poetische Kompositionen und war der wichtigste literarische Kritiker seiner Zeit. 1929 wurde er für den Nobel-Preis für Literatur nominiert.
Derselbe hehre Wert der Literatur ist im Prosawerk von Emmanuel Roidis (1836 - 1904) und Georgios Vizyinos zu spüren. Alexandros Papadiamantis (1851 - 1911), dessen Werk nach Auffassung Milan Kunderas und vieler anderer europäischer Schriftsteller einen Beitrag zu der europäischen Romankunst darstellt, war tonangebend in der griechischen Literatur und ein herausragender Prosaschriftsteller. Ein weiterer bemerkenswerter Verfasser brillanter Prosa ist Jannis Makriyannis (1797 - 1864), ein General im Befreiungskrieg, der im Alter von 32 Jahren schreiben lernte. Die Veröffentlichung seiner Memoiren im Jahre 1907 beeinflusste zahlreiche Schriftsteller und Dichter der folgenden Generationen, wie z.B. Yorgos Seferis.
Konstantinos Kavafis (1863 - 1933) ist der berühmteste Dichter der griechischen modernen Literatur und gehört zweifellos zu den bedeutendsten europäischen Lyrikern des 20. Jahrhunderts. Das Werk von Kavafis besteht aus nur 154 Gedichten, die im Laufe von mehr als 35 Jahren entstanden. Es ist bemerkenswert, wie dieses schmale poetische Oeuvre mit der Zeit an Bedeutung gewann. Die Gedichte Kavafis' stehen in absolutem Kontrast zu denen des Angelos Sikelianos (1884 - 1951), eines visionären und profunden Dichters, der die Delphischen Spiele (1927, 1930) wiederbelebt hat. Sikelianos hat ausgezeichnete Gedichte, lange lyrische Kompositionen, Theaterstücke und literarische Essays verfasst.
Nikos Kazantzakis (1883 - 1957) ist der am meisten übersetzte griechische Autor neben Kavafis. Sein literarisches Werk umfasst zahlreiche Theaterstücke, Reisebücher, aber auch Übersetzungen wie beispielsweise Dantes „Divina Commedia" und Homers „Ilias“ und “Odyssee“ - in Zusammenarbeit mit dem größten griechischen klassischen Philologen des 20. Jahrhunderts, J. Th. Kakridis. Kazantzakis schrieb auch das epische Werk "Odyssee", das 33.333 Verse umfasst und wohl das längste Gedicht der europäischen Literatur ist. Kazantzakis hat sich durch seine neun Romane, von denen "Alexis Zorbas" (1946) der bekannteste ist, internationales Renommee erworben.
Kostas Karyotakis (1896 - 1928), ein Dichter und Übersetzer, ist die Verbindung zwischen der ausklingenden Romantik und den modernistischen Tendenzen in der griechischen Literatur. Sein Selbstmord als Konsequenz seines Pessimismus machte ihn zur Legende.
Die literarische Moderne beginnt in Griechenland mit der sogenannten „Generation von 1930“
Yorgos Seferis (1900 - 1971), der 1963 als erster griechischer Autor den Nobelpreis erhielt, ist zusammen mit Odysseas Elytis die bedeutendste Figur der Generation von 1930. Der Karriere-diplomat, Bewunderer und Übersetzer von T.S. Eliot, Ezra Pound und Paul Valéry, hat neue literarische Tendenzen in seine Dichtung übernommen und integriert. Sein Credo hieß, "einfach zu sprechen". Somit befreite er die Dichtkunst von Verschönerungen und literarischen Manierismen. Die literarischen Essays und Tagebücher sind ebenfalls von beachtlicher Aussagekraft und viele seiner Gedichte wurden von führenden Liederkomponisten vertont, wie z.B. von dem berühmtesten griechischen Komponisten Mikis Theodorakis.
Odysseus Elytis (1911 - 1996), der zweite griechische Nobelpreisträger (1979), steht den französischen poetischen Neuerungen des 20. Jahrhunderts nahe und gehört mit seinen streng geometrisch strukturierten poetischen Kompositionen wohl zu den renommiertesten Lyrikern des 20. Jahrhunderts. Sein Hauptwerk "Axion Esti" (1959) hat ihm zu internationalem Ruhm verholfen und wurde dank der Vertonung von Mikis Theodorakis weltweit bekannt.
Yannis Ritsos (1909 - 1990), ein talentierter und politisch engagierter Dichter, hat ein sowohl vielfältiges als auch umfangreiches Werk hinterlassen, welches in viele Sprachen übersetzt worden ist. Stratis Tsirkas (1911 - 1980), Romanautor, Kritiker und Übersetzer erhielt für seine Trilogie "Akivernites Politeies" den Best Foreign Book Prize.
Die Förderung der modernen griechischen Literatur im Ausland ist Teil einer zielstrebigen Buchpolitik, die 1994 vom Kulturministerium begonnen wurde. Das Nationale Buchzentrum (EKEBI) plant diese Politik und setzt sie um.
Mit der umfangreichen und reichhaltigen Präsentation griechischer Literatur wie z.B. auf der Frankfurter Buchmesse (Oktober 2001), wo der thematische Schwerpunkt auf Griechenland lag, bestätigten sich die Bemühungen des Nationalen Buchzentrums.
Bildende Kunst
Die Geschichte der bildenden Kunst in Griechenland entspricht in großem Maße der des modernen Staates selbst. Kaum war Griechenland unabhängig geworden (1830), so begann es als eine Art Satellit anderer Kulturen zu fungieren: Im 19. Jahrhundert in Bezug auf Deutschland und im darauffolgenden Jahrhun-dert zu Frankreich und dem Modernismus. Die sogenannte "Münchner Schule" ist die wichtigste Künstler-gruppe. Nikolaos Ghizis (1842 - 1901) und Nikiforos Lytras (1832 - 1904) wurden zum Doppelzentrum dieser Gruppe, die akademische Tendenzen mit fortschrittlichen technischen Ergänzun-gen kombinierte (Konstan-tinos Volonakis, Ploychronis Lembesis, Symeon Savvidis, Georgios Iakovidis und andere). Die Bildhauerei entwickelte sich parallel dazu - ihre wichtigste Vertreter sind Yannoulis Halepas (1851 - 1938) und Dimitrios Philipotis (1839 - 1920).
Die Erfolge Griechenlands in den beiden Balkankriegen und dem Ersten Weltkrieg führten zu einer Stimmung der Erhebung und des Optimismus. Während der Zeit zwischen den Kriegen war der in Berlin ansässige griechische Künstler Georgios Bouziannis (1885 - 1959) Mitglied der expressionistischen Bewegung. Photis Kontoglou (1895 - 1965), Konstantinos Parthenis (1878 - 1967) oder Theofilos (1867 - 1934), sehr bedeutende Maler individuellen Stils, inspirierten die Suche der folgenden "Generation der Dreißiger" nach dem "Griechentum". Diese war die kohärenteste Gruppe überhaupt in der griechischen Kunst. Zu ihr zählen Nikos Chatzikyriakos Ghikas (1906 - 1995), Yannis Tsarouchis (1910 - 1989), Diamantis Diamantopoulos (1914 - 1996), Nikos Engonopoulos (1910 - 1985), Yiorgos Mavroidis (geb. 1913), Nikos Nikolaou (1909 - 1986) und Yannis Moralis (geb. 1916).
Die Sechziger Jahre bedeuteten die endgültige Zuwendung zur abstrakten Kunst - ein Vertreter in der Malerei ist Yannis Spyropoulos (1912 - 1990).
Der Sturz der Junta (1974) schuf eine Atmosphäre der Kommunikation und der internationalen Interaktion, die nicht ohne Einfluss auf die bildende Kunst blieb. Panagiotis Tetsis, Vlasis Kaniaris, Nikos Kessanlis, Kostas Tsoklis, Yannis Kounellis, Pavlos, Takis und Chryssa sind einige der bekanntesten Namen der zeitgenössischen griechischen Kunst. Die renommiertesten Museen für moderne Kunst befinden sich in Athen und Thessaloniki, wohingegen kleinere verstreut in ganz Griechenland zu finden sind.
Hervorgehoben seien das Goulandris Museum für moderne Kunst auf der Insel Andros und die Städtische Kunstgalerie Rhodos.
Musik
Die griechische Musik hat sich im Laufe vieler Jahrhunderte entwickelt und war Gegenstand unterschiedlicher historischer und geographischer Einflüsse: Griechische Musik der Antike, byzantinische und geistliche Musik bieten eine große Bandbreite unterschiedlicher musikalischer Traditionen.
Heute wird das Fach Musik in den 213 anerkannten Konservatorien für Musik gelehrt, von denen lediglich eines vom Staat gegründet wurde. Außerdem gibt es 146 Musikschulen. 44,8% dieser Konservatorien und Musikschulen sind in Städten in der Provinz angesiedelt.
Im Bereich der klassischen Musik haben sich Nikos Skalkotas (1904-1949), Yannis Christou (1926-1970) und Iannis Xenakis (1922-2001), die die meisten ihrer Werke im 20. Jahrhundert geschaffen haben, als Komponisten weltweit etabliert. Als herausragende Persönlichkeiten in der internationalen klassischen Musikszene werden die Opernsän-gerin Maria Callas (1923-1977) und der Dirigent, Pianist und Komponist Dimitris Mitropoulos (1896-1960) angesehen.
Musik ist in Griechenland wohl die beliebteste und populärste kulturelle Aktivität. Das hängt mit der historischen Bedeutung des Liedes und der Popularität des musikalischen Ausdruckes über den Tanz zusammen. Es gibt eine weit zurückreichende Tradition ländlicher Musik, die mit dem Unabhängigkeitskrieg gegen die Türken (1821 - 29) verbunden ist. Eine Form der urbanen traditionellen Musik mit enger Verbindung zu den Flüchtlingen der kleinasiatischen Katastrophe (1922) ist der "Rembetiko". Das weltweite Renommee der modernen griechischen Musik ist zum größten Teil den Werken Manos Chadzidakis (1925-1994) und Mikis Theodorakis (1925) zu verdanken. Beide vereinten mit ihrem großen Talent griechische melodische und rhythmische Merkmale mit europäischen musikalischen Formen.
Manos wurde in den 1960ern mit einem einzigen Lied weltbekannt: "Die Kinder von Piräus", das Melina Merkouri in dem in Cannes ausgezeichneten Film "Sonntags nie" sang, und das in immer neuen Fassungen und Bearbeitungen auf Platten kursierte. Das Lied brachte Manos Chatzidakis in Hollywood einen Filmmusik-Oskar ein. Seine Popularität in Griechenland verdankt er hauptsächlich seinen Liedkompo-sitionen, die zu Schlagerhits wurden.
Aber dieser Teil seines Werks zusammen mit seinen zahlreichen Filmmusiken gehörte zu den kommerziellen Arbeiten, mit denen er seinen Lebensunterhalt bestritt. Kunstlieder und Bühnenmusiken begründeten seine künstlerische Bedeutung. Chatzidakis war jedenfalls überzeugt, dass ein bedeutendes Kunstlied nur in Zusammenarbeit mit einem Dichter entstehen könne. Daraus resultierte seine jahrzehntelange Kooperation mit dem Dichter Nikos Gatsos, eine künstlerische Symbiose, die zu großen Werken führte.
Mikis Theodorakis ist weltweit der bekannteste Komponist griechischer Musik. Seine Biographie ist ein lebendiges Stück der Geschichte Griechenlands der vergangenen acht Jahrzehn-te. Er hat die Besatzungszeiten der Italiener und der Deutschen überlebt, den Bürgerkrieg zwischen 1946 und 1949 sowie die Militärdiktatur von 1967 bis 1974 überstanden. Mit seinen Werken suchte er nach den musikalischen Wurzeln seines Volkes und wurde zum Symbol des Kampfes um Freiheit und Menschenrechte. Zu seinem Oeuvre gehören die volkstümlichen auf dem Rembetiko aus Kleinasien basiertenden Lieder, die weltberühmte Filmmusik von „Alexis Zorbas“, die seitdem als Ausdruck der griechischen Folklore gilt, sowie seine weniger bekannten Sinfonien, Kammermusik und Opern.
Als ideale Interpretin der Lieder von Theodorakis gilt die weltbekannte Maria Farantouri, die der Komponist selbst als seine „Priesterin“ bezeichnete. Die Sängerin mit der einzigartigen Kontraltstimme und der enormen romantischen Ausdruckskraft ist eine Ikone des neuen griechischen Liedes – und der griechischen Zeitgeschichte: Nach dem Putsch der Militärjunta 1967 ins Exil gezwungen, wurde sie durch zahllose Auftritte mit den Liedern des damals inhaftierten Theodorakis zur Symbolfigur des Widerstands und der Demokratie und gilt heute als „Stimme Griechenlands“.
Mit der Vertonung griechischer Dichtung erreichte das griechische Volkslied neue Dimensionen und gewann eine neue Aufwertung und somit internationale Resonanz. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben sich viele jüngere Komponisten sowohl von der ländlichen als auch von der urbanen traditionellen Musik inspirieren lassen wie beispielsweise Stavros Xarchakos und Manos Loizos.
Der wichtigste Liedermacher ist Dionyssis Sawopoulos (1944), der als „Bob Dylan Griechenlands“ bezeichnet wird. Er begann seine Karriere im Geist der 60er Jahre, der Großen Ära der Volks-Musik. Als wortgewandter Poet und brillanter Komponist eingängiger Songs schaffte er, die einheimische Volksmusik mit westlichen Stilen zu verbinden. Aus der Tradition ländlicher Musik, dem städtischen Rembetiko und den Rhythmen des Rock ’n’ Roll schuf er eine ebenso originelle wie mitreißende Mischung, die ihm längst zum internationalen Ruhm verholfen hat: Kollegen in aller Welt, wie der Spanier Luis Liach oder der Deutsche Wolf Biermann, haben seine Lieder übersetzt und ins Repertoire aufgenommen.
Wenn man über die griechische Musik spricht, sollte man den Namen Yorgos Dalaras nicht vergessen. Manche behaupten, in der Künstlerpersönlichkeit von Dalaras hätten sich Woody Guthrie und Bruce Springsteen auf hellenischem Boden getroffen – zumindest legen sein Talent und seine stilistische Vielseitigkeit von Rock bis Rembetiko solche Verglei-che nahe. Der absolute Superstar der griechischen Musikszene erneuerte den Rembetiko, den Großstadt-Blues aus den 1929er Jahren und belebte ihn wieder. Die multikulturellen Einflüsse in seiner Musik sowie die Zusammenarbeit mit internationalen Stars wie Sting, Goran Bregovic und Paco de Lucia verschafften ihm weltweite Popularität.
Theater
Im 20. Jahrhundert hat eine neue Generation von Schauspielern und Regisseuren modernere Inszenierungen verschiedener Texte und Theaterkonzepte wie den Realismus, den Naturalismus, den Klassizismus und die Romantik umgesetzt . In diesem Zusammenhang sind die Regisseure K. Christomanos (Gründer der "Neuen Bühne"), Th. Oikonomou (Gründer des "Königlichen Theaters"), Fotos Politis (Gründer des "Nationaltheaters") und sein Nachfolger D. Rondiris zu nennen. Legendäre Schauspieler des 20. Jahrhunderts sind M. Kotopouli, Kyveli, K. Paxinou, A. Minotis, E. Veakis, M. Aroni, D. Horn, Elli Lambeti, Th. Kotsopoulos, G. Pappas, Chr. Nezer, K. Moussouris und D. Myrat. Sie alle haben unauslöschliche Spuren auf der Bühne hinterlassen.
1957 war ein wichtiges Jahr in der Geschichte des modernen griechischen Theaters. Es war das Jahr, in dem Iakovos Kampanelis, der "Vater" des modernen griechischen Theaters, sein Stück "Der Hof der Wunder" im Kunsttheater Karolos Koun aufführte. Eine neue, begabte Generation von Theaterautoren beeinflusste die Atmosphäre und brachte neue Ideen in das griechische Theater ein. Vassilis Ziogas, Dimitris Kehaidis, Pavlos Matessis, Giorgos Maniotis, Loula Anagnostaki, Kostas Moursselas und Giorgos Dialegmenos sind einige Autoren dieser neuen Epoche. Zu den herausragendsten zeitgenössischen Regisseuren gehören S. Karandinos (Gründer des "Staatstheaters Nordgriechenlands"), T. Mouzenidis, P. Katselis, K.Michalilidis, A. Solomos, S. Evangelatos, M. Volonakis und G. Michailidis.
Heutzutage beeindruckt in Athen die große Vielzahl von Theatergruppen und Theatern. Allein in Athen gibt es mehr als 100 Gruppen, und mehr noch, wenn man die Amateur-, Schul- oder Universitätstheatergruppen dazuzählt, deren Präsenz sich in der Theaterwelt immer deutlicher bemerkbar macht. Nach 1981 wurden in beinahe allen Städten außerhalb des Großraums Athen Stadttheater mit talentierten Regisseuren und Schauspielern gegründet, unter ihnen auch einige Protagonisten der Athener Bühnen.
Die neuen Strömungen im Theater sind jetzt moderner und verfeinerter, einige Gruppen führen besondere und experimentelle Stücke auf, die offensichtlich den Geschmack des Publikums treffen. Letztlich ist noch hervorzuheben, dass vor vielen Jahren eine Kooperation zwischen ausländischen und griechischen Theaterensembles begonnen wurde, die immer noch eng zusammenarbeitet.
Film
Trotz der Nachwirren des Bürgerkriegs, der Armut der Nachkriegszeit und einer strengen Zensur seitens der staatlichen Behörden produzierte die griechische Filmindustrie, deren erstes Studio (Finos Film) 1943 gegründet wurde, Spielfilme am laufenden Band und erfreute sich eines stetig wachsenden Publikums.
Die ersten Streifen, die international Anerkennung gewannen, waren "Stella" (1955) vom Regisseur Michael Kakoyannis und "The Ogre of Athens" (1956), unter der Regie von Nikos Koundouros. In der Zeit von 1955 bis 1970 wurden in Griechenland - proportional zur Bevölkerung - mehr Filme hergestellt als in allen anderen Ländern der Welt. Ihren Höhepunkt erreichte diese Entwicklung im Jahre 1966, als 117 Filme griechischer Produktion in den Lichtspielhäusern gezeigt wurden.
Während der Militärdiktatur (1967 - 1974) entstand der Neue Griechische Film, der sich thematisch auf griechische Sozialthemen konzentrierte und ästhetisch vom experimentellen Film beeinflusste Formen bevorzugte. Der bekannteste griechische Regisseur ist Theo Angelopoulos (geb. 1935). Sein zweiter Film, "The Travelling Players" (1975), gilt als der beste griechische Film überhaupt. Sein Film "Eine Ewigkeit und ein Tag" gewann 1998 die Goldene Palme von Cannes und "Die Reise des Odysseus" war laut dem "Time" Magazin einer der besten Filme des Jahres 1995. Im Jahr 2004 nahm Angelopoulos an den Internationalen Berliner Festspielen (Berlinale) mit dem ersten Film seiner breit angelegten Trilogie teil, der den Titel "Die Erde weint" trägt. Darüber hinaus erhielt Angelopoulos Auszeichnungen der drei wichtigsten internationalen Filmfestivals (1971 und 1973 in Berlin, 1975, 1984 und 1995 in Cannes und 1980 und 1988 in Venedig).
Die Musik zu den letzten Filmen von Angelopoulos schrieb Eleni Karaindrou, eine international erfolgreiche Komponistin, deren Werke von dem deutschen Musikunternehmen ECM veröffentlicht wurden.
Angelopoulos hat eine Tradition bedeutender Regisseure der jüngsten Vergangenheit fortgesetzt: Michael Kakoyanis (zwei Oscars für "Alexis Zorbas" im Jahre 1964), Alexis Damianos (Auszeichnung für die beste Regie für "To the ship" im Jahre 1967).
Kostas Ferris (Silberner Bär bei den Filmfestspielen Berlin 1984 für "Rembetiko"), Tonia Marketaki (Erster Preis beim Festival von Bastia / Korsika für "Der Preis der Liebe" 1984) und Nikos Panayotopoulos (Auszeichnungen für "The Idlers of the Fertile Valley" im Jahre 1978) sind einige der Regisseure des Neuen Griechischen Films (entstanden während der Militärdiktatur 1967 - 1974).
In den letzten Jahren ist ein neuer kinematographischer Stil von schnellen, gut geschriebenen Filmen entstanden, die sich zeitgenössischer Themen annehmen. N. Perakis, P. Hoursoglou, S. Goritsas, A. Kokkinos, O. Malea, K. Yannaris sollten als Regisseure erwähnt werden.
1970 wurde das Griechische Filmzentrum als eine gewinnorientierte Tochtereinrichtung der Griechischen Industrie- und Entwicklungsbank gegründet. Im Jahre 1986 wurde eine neue Abteilung mit dem Titel "Hellas Film" eingerichtet, um griechische Filme im Ausland zu fördern. 1988 war das Griechische Filmzentrum die einzige bestehende griechische Produktions-firma. Beinahe alle jungen griechischen Filmemacher erhielten Mittel aus seinem Koproduktionsprogramm, und auch heute bleibt das Unternehmen wichtigster griechischer Produzent neuer Filme. Die Mittel werden durch das Kulturministerium zur Verfügung gestellt und stammen aus einem Prozentsatz aus dem Erlös der Kinoeintrittskarten. Das Internationale Filmfestival Thessaloniki ist das wichtigste Kinoereignis in Griechenland, bei dem der Staatliche Filmpreis verliehen wird.