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Dienstag, 07.02.2012

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Griechenland in der deutschen Presse

WELT-ONLINE:  Der symbolische Kern des Akropolis-Museums

von Berthold Seewald, Stellvertretender Ressortleiter Feuilleton DIE WELT

20.06.2009 - 13.37 Uhr

Angesichts des neuen Akropolis-Museums in Athen stellt sich die Frage: Wem gehört die Kunst? Den Museen, den Nationen oder der Menschheit? So ist der moderne Bau auch ein kulturhistorisches Symbol.

Im Jahr 1814 notierte ein Besucher Londons in seinem Tagebuch: „Lord Elgin, der englischer Gesandter in Constantinopel war, hat der Ottomanischen Barbarei einen herrlichen Schatz altgriechischer Statuen und Baureliefs, welche am Tempel zu Parthenos waren, entrissen.“ Der Mann, der das notierte, der bayerische Offizier Karl Wilhelm von Heideck, schrieb sich 20 Jahre später selbst in die Geschichte des Parthenon ein, indem er sich als Vormund König Ottos von Griechenland dem Plan widersetzte, die Akropolis von Athen ihres „romantischen“ Festungszustandes zu berauben.

Doch der Klassizismus und seine Anhänger waren stärker. Damals begann, was heute mit der Eröffnung des neuen Akropolis-Museums seinen Abschluss findet: die Restaurierung des Parthenon und seines Berges als ein Sinnbild menschlicher Schöpferkraft und politischer Vision für alle Zeiten.
Denn der Parthenon war nicht irgendein Tempel. Er war ein Denkmal, das die erste Demokratie der Geschichte sich ihrem Verfassungsentwurf setzte und dem Geist, aus dem er entsprang. Triumph der bürgerlichen Gleichheit im Inneren und in der äußeren Hegemonie sind die Botschaften eines Bauwerks, das der geniale Bildhauer Phidias zwischen 447 und 438 schuf. Eine Generation später musste sich Athen auf Gedeih und Verderb den spartanischen Siegern ausliefern. Der Parthenon häutete sich in Kirche, Steinbruch, Moschee, Festung, Pulvermagazin und Museum. Damit aber wurde das – technisch wie künstlerisch – wohl perfekteste Bauwerk, das je von Menschenhand errichtet wurde, zugleich zu einem Zeugnis für Klios Unberechenbarkeit.

Bei den Skulpturen klafft eine Lücke

Der neugriechische Staat knüpft mit der Einweihung des hypermodernen Akropolis-Museums an die attische Demokratie an. Der von dem Schweizer Architekten Bernard Tschumi konzipierte Bau, seit 2003 für 130 Millionen Euro am Fuße der Akropolis errichtet, nimmt im oberen, dritten Stockwerk eins zu eins die Maße des Parthenon auf und macht mit den darin klaffenden Lücken unmissverständlich klar, dass die Reste seines Skulpturenschmucks, dessen Gros im Britischen Museum in London hängt, allesamt nach Athen gehören. Damit aber liefert Griechenland der globalen Debatte um die Rückgabe von Kunstwerken ein schwer zu widerlegendes Argument. Die Skulpturen des Parthenon, den Lord Elgin um 1800 mit osmanischer Billigung plünderte, gehören aus ästhetischen und moralischen Gründen nach Griechenland. Wäre da nicht die Realpolitik, die mit einer solchen Rückgabe ganze Museumsbestände ehemaliger Groß- und Kolonialmächte zur Disposition gestellt sieht.

Mit geradezu zynischer Offenheit erklären denn auch die Verantwortlichen des Britischen Museums, es sei ihr Auftrag, die kulturellen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte zu zeigen. Dieser machtpolitische Aspekt ist es allerdings auch, der im neuen Akropolis-Museum nicht vergessen werden sollte. Gerade die prachtvolle Ausstattung der Akropolis durch die Athener Demokratie war ja kein künstlerischer Selbstzweck, sondern diente der Legitimierung ihres Machtanspruchs. Die Mittel dazu hatten die abhängigen Bündnispartner aufzubringen. Wer den Bund kündigte oder die Unterwerfung verweigerte, wurde buchstäblich ausgelöscht.

Keine Kunst im machtfreien Raum

An diesem Rechtsgrundsatz hat sich bis heute wenig geändert. So gesehen, ist das neue Akropolis-Museum daher nicht nur ein kunst-, sondern auch ein kulturhistorisches Museum. Es zeigt, wie Kunst der Geschichte unterworfen ist – mit offenem Ausgang: Wann wird das vereinigte Europa Ideen, Wege und Akzeptanz finden, um Werke nicht mehr als Eigentum von Nationen zu begreifen, sondern als Schätze seiner gemeinsamen Kultur? Dazu würde allerdings auch gehören, dass Griechenland endlich akzeptiert, dass die Verfügungsgewalt über die Akropolis bei Lord Elgins Plünderzug dem Osmanischen Reich oblag und nicht mehr antiken Hellenen. Andererseits sollte London endlich begreifen, dass es ein Unterschied ist, ob es Kunsterbe der Menschheit vor Schicksalsschlägen in Afrika sichert oder einem europäischen Partnerstaat vorenthält. Ob Brüssel Auswege weiß?